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Tioman: Malaysias Dracheninsel und ihre Riffe im Südchinesischen Meer

Wer Tioman zum ersten Mal erreicht, kommt fast immer mit der Fähre: von Mersing oder Tanjung Gemok aus schiebt sich das Boot rund zwei Stunden durch das Südchinesische Meer, bis am Horizont eine dunkelgrüne Bergsilhouette auftaucht. Pulau Tioman liegt gut dreißig Kilometer vor der Ostküste der Malaiischen Halbinsel und gehört zum Bundesstaat Pahang. Die Insel ist ein Brocken aus Granit und Regenwald, gesäumt von Saumriffen und umgeben von kleinen Felsinseln — und sie zählt seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Tauchzielen an Malaysias Ostküste.

Ankommen: Fähren, Dörfer, Inselrhythmus

Tioman hat keine durchgehende Straße, und genau das prägt den Charakter der Insel. Die Dörfer — Tekek als Hauptort, Air Batang (von allen nur ABC genannt), Salang im Norden, Genting und Paya im Süden der Westküste, das abgelegene Juara im Osten und das winzige Mukut im Süden — sind vor allem per Boot und über Dschungelpfade verbunden. Wer ankommt, entscheidet mit der Wahl des Dorfes bereits, welche Riffe vor der Haustür liegen. Tekek bietet die meiste Infrastruktur, einen kleinen Flugplatz und zollfreie Läden, denn Tioman ist Duty-free-Gebiet. ABC ist die entspannte Meile der Rucksackreisenden und Tauchbasen, Salang liegt den nördlichen Tauchplätzen am nächsten, und Juara gehört den Wellen, den Schildkröten und der Ruhe. Der Rhythmus ist überall derselbe: früh raus aufs Wasser, mittags in den Schatten, abends Satay am Strand.

Ein Schutzgebiet über und unter Wasser

Ein großer Teil von Tiomans Reiz liegt darin, dass die Insel doppelt geschützt ist. An Land bedeckt alter Regenwald die Berghänge bis hinauf zum Gunung Kajang, dem mit über tausend Metern höchsten Gipfel der Insel; Warane, Nashornvögel und Flughunde gehören zum Alltag. Im Wasser gilt rund um Tioman und seine vorgelagerten Inselchen der Status eines Meeresparks: Fischerei und das Sammeln von Meereslebewesen sind in der Schutzzone untersagt, Besucher zahlen eine kleine Naturschutzgebühr, und an den bekannten Tauchplätzen liegen Festmacherbojen, damit keine Anker in die Korallen krachen. Perfekt ist der Schutz nicht — auch Tiomans Riffe haben regionale Korallenbleichen und den Druck des Bootsverkehrs zu spüren bekommen —, aber der Unterschied zu ungeschützten Küsten ist unter Wasser deutlich sichtbar: mehr Fisch, intaktere Korallengärten, zutraulichere Tiere. Lokale Initiativen ergänzen den Park mit Riffmonitoring, Aufräumaktionen und Korallenaufzucht; in Juara kümmert sich ein langjähriges Schildkrötenprojekt um die Niststrände von Grünen und Karettschildkröten.

Hausriffe der Westküste

Das Alltagstauchen spielt sich an der geschützten Westküste ab, und vieles davon liegt nur wenige Bootsminuten vom Steg entfernt. Der Klassiker ist Pulau Renggis, ein Miniatureiland vor dem großen Resort bei Tekek: flaches Saumriff, sandige Kanäle, und mittendrin patrouillieren Schwarzspitzenriffhaie, während Karettschildkröten in aller Ruhe an Schwämmen knabbern. Kaum ein Ort in Südostasien macht es Einsteigern leichter, ihren ersten Hai zu sehen. Vor Salang liegen die Bucht und die kleine Insel Soyak mit sanften Riffhängen, und in der Umgebung sind kleine, gezielt versenkte Wracks längst zu fischreichen künstlichen Riffen herangewachsen. Rund um den Jetty des Marineparks stehen die Schwärme aus Sergeant Majors und Schnappern so dicht, dass Schnorchler einander zeitweise aus den Augen verlieren. Und wer abends noch einmal ins Wasser steigt, erlebt die Hausriffe von ihrer zweiten Seite: jagende Muränen, Sepien im Farbwechsel, schlafende Papageifische und Nacktschnecken in allen Mustern.

Chebeh, Labas und das Tiger Reef

Die spektakulärsten Tauchplätze verteilen sich auf die Felsinseln vor Tiomans Nordwestecke. Pulau Chebeh ist ein Haufen riesiger vulkanischer Granitblöcke, die sich unter Wasser fortsetzen und dort Canyons, Tunnel und Durchschwimmöffnungen bilden — vieles davon mit Gorgonien behangen und mit Weichkorallen gepolstert. Das nahe Pulau Labas ist kleiner, aber ähnlich zerklüftet: ein von Passagen durchzogener Felsen, durch den man regelrecht hindurchtauchen kann. Der berühmteste Platz aber ist das Tiger Reef, ein unterseeischer Felsturm zwischen den Inselchen. Hier trifft Strömung auf Struktur, und das Ergebnis ist ein Fischgewimmel, wie man es an der Küste selten sieht: rotierende Schwärme von Füsilieren, dicht gestaffelte Schnapper im Strömungsschatten, dazu Makrelen und Barrakudas auf der Jagd. Bei laufender Strömung ist das Tiger Reef kein Anfängerplatz, und die Basen planen ihn entsprechend — doch an einem guten Tag ist genau dieser Tauchgang der Grund, warum Leute von Tioman schwärmen.

Was unter Wasser lebt

Tiomans Riffe gehören zur großen indopazifischen Faunengemeinschaft, und die Bandbreite ist beachtlich. In den flachen Zonen dominieren Geweih- und Tischkorallen, tiefer folgen massive Blockkorallen, Peitschenkorallen und Fächergorgonien. Anemonen mit ihren Clownfischen sind allgegenwärtig, und wer langsam taucht, findet Skorpionfische, Seenadeln und eine schier endlose Parade von Nacktschnecken. Verlässlich sind die Begegnungen mit Grünen und Karettschildkröten sowie mit Schwarzspitzenriffhaien im Flachwasser. Büffelkopf-Papageienfische ziehen in kleinen Trupps vorbei, deren Knirschen man hört, bevor man sie sieht, und neugierige Fledermausfische begleiten Taucher mitunter über den halben Tauchgang. Auch Überraschungen kommen vor: Walhaie sind rund um Tioman schon gesichtet worden, wenn auch selten genug, dass niemand deswegen anreisen sollte. Die Sicht schwankt mit Jahreszeit und Plankton, häufig zwischen zehn und zwanzig Metern — das Südchinesische Meer ist nährstoffreich, und genau davon leben die Fischschwärme.

Reisezeit: Der Monsun gibt den Takt vor

Tioman lebt im Takt des Nordostmonsuns. Etwa von November bis Februar drückt der Monsun Wind, Regen und hohe See gegen Malaysias Ostküste; die Fährverbindungen werden ausgedünnt, viele Unterkünfte und Tauchbasen schließen, und die Insel fällt in einen Halbschlaf. Die eigentliche Saison läuft ungefähr von März bis Oktober: ruhigere See, bessere Sicht, voller Betrieb. Das Wasser ist ganzjährig tropisch warm, ein dünner Neoprenanzug genügt den meisten. Innerhalb der Saison gibt es Nuancen — nach dem Monsun ist das Wasser oft nährstoffreich und fischreich, die Monate um die Jahresmitte bringen meist die ruhigste See —, aber zwischen Frühjahr und Herbst gibt es keinen schlechten Monat. Was es zunehmend gibt, sind volle Wochenenden: Für Taucher aus Singapur und Kuala Lumpur ist Tioman das klassische Kurzurlaubsziel. Wer die Riffe für sich haben will, reist unter der Woche — und wer mehr als ein verlängertes Wochenende Zeit mitbringt, kann die Tauchtage mit Dschungelwanderungen quer über die Insel nach Juara oder mit einem Ausflug zu den Wasserfällen verbinden. Kaum ein Riffziel in der Region lässt sich so gut mit einer echten Regenwaldinsel kombinieren, ohne dass man dafür zweimal packen müsste.

Schnorcheln rund um Pulau Tulai

Tioman ist keineswegs nur ein Ziel für Gerätetaucher — wer ausschließlich mit Maske und Schnorchel unterwegs ist, sieht hier mehr als an vielen berühmteren Orten. Der klassische Ausflug führt nach Pulau Tulai, der Coral Island nordwestlich von Tioman: flache Korallengärten über hellem Sand, türkisfarbenes Wasser und Fischschwärme, die schon in Hüfttiefe beginnen. Die Bootstouren dorthin lassen sich gut mit Stopps an weiteren Buchten kombinieren, und weil das Riffdach vielerorts nur wenige Meter unter der Oberfläche liegt, spielt sich das Beste ohnehin im Schnorcheltiefenbereich ab. Auch direkt vor den Dörfern lohnt sich der Sprung ins Wasser: vor ABC und Salang beginnen die Saumriffe wenige Schwimmzüge vom Strand entfernt, und rund um Renggis teilen sich Schnorchler die Schildkröten mit den Tauchgruppen. Wichtig ist nur, was überall im Meerespark gilt: nichts anfassen, nichts mitnehmen, genügend Abstand zum Riffdach halten — gerade bei Niedrigwasser ist der Flossenschlag über flachen Korallen die häufigste vermeidbare Schadensquelle.

Auf der Karte

Tiomans Tauchplätze verteilen sich auf eine große Insel und einen Kranz von Felseilanden — und welche Riffe vor der eigenen Haustür liegen, entscheidet sich mit der Wahl des Dorfes. Auf unserer interaktiven Karte sind die Spots rund um Tioman im Zusammenhang zu sehen, von Renggis und dem Marinepark-Jetty bis hinaus zu Chebeh, Labas und dem Tiger Reef, eingebettet in tausende weitere Riffe und Tauchplätze weltweit. Hineinzoomen, Dörfer vergleichen, Route planen — die Dracheninsel wartet.