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Grüne Insel und Kenting: Taiwans vulkanische Küsten und ihre Korallenriffe

Taiwan liegt an einer tektonischen Nahtstelle am westlichen Rand des Pazifiks, dort, wo der warme Kuroshio-Strom aus den Tropen heraufzieht und die Ost- und Südküste der Insel umspült. Knapp nördlich des Wendekreises des Krebses befinden sich diese Küsten am äußersten Rand jener Zone, in der riffbildende Korallen überhaupt noch gedeihen können, und dennoch sind sie erstaunlich artenreich. Zwei Orte zeigen dieses Zusammentreffen von Geologie und Biologie besonders eindrücklich: die Grüne Insel, ein kleiner vulkanischer Felsen vor der Südostküste, und die Region Kenting an der Südspitze der Insel. Beide sind von Korallen gesäumt, und beide verdanken ihre Riffe demselben warmen Wasser und demselben unruhigen Untergrund.

Eine junge, rastlose Insel

Taiwan ist geologisch jung, aufgeworfen durch den Zusammenstoß der Philippinischen Platte mit der Eurasischen Platte. Diese fortdauernde Kollision türmt Berge auf, verursacht häufige Erdbeben und hat die wärmeren Süd- und Ostküsten mit Korallen umsäumt. Das Gestein unter den Riffen erzählt mehr als eine Geschichte. Rund um die Hengchun-Halbinsel, auf der Kenting liegt, besteht ein Großteil der Küste aus gehobenem Korallenkalk, dem Skelett uralter Riffe, die heute über dem Wasserspiegel liegen. Die Grüne Insel dagegen ist vulkanischen Ursprungs, ein verwitterter Kegel, der aus tiefem Wasser aufsteigt. In beiden Fällen wächst das lebende Riff als dünne, sonnendurchflutete Schicht über einem weit älteren Fundament, und die Form der Küste bestimmt noch heute, wo sich Korallen ansiedeln. Diese geschichtete Vergangenheit erklärt, warum sich die beiden Küsten unter Wasser so verschieden anfühlen, obwohl sie dasselbe warme Meer teilen. Wo der Meeresboden aus hartem Vulkangestein besteht, klammern sich die Korallen an steile Wände und Felsblöcke; wo alter Kalkstein vorherrscht, breiten sie sich über sanftere Terrassen und Absätze aus. So liest sich die Küste fast wie ein Querschnitt durch die Zeit des Riffs, von den versteinerten Riffen an Land bis zu den lebenden vor der Küste.

Grüne Insel: ein vulkanischer Felsen im Kranz aus Riff

Die Grüne Insel, auf Chinesisch Lyudao genannt, liegt eine kurze Fährüberfahrt östlich von Taitung. Sie ist ein kompaktes Eiland, das man an einem Nachmittag mit dem Roller umrunden kann, und ihre steilen Vulkanflanken fallen rasch ins klare Wasser ab. Weil die Insel direkt im Weg des Kuroshio liegt, wird sie das ganze Jahr über von warmem, ozeanischem Wasser umspült, das kaum Sediment mit sich führt. Saumriffe umschließen weite Teile der Küste, und die Klarheit des Wassers hat die Insel zu einem der beliebtesten Tauchreviere Taiwans gemacht. Dieselbe vulkanische Lage bringt eine echte Besonderheit hervor: eine heiße Quelle am Meer, gespeist von erwärmtem Meerwasser, eine von nur einer Handvoll bekannter Salzwasser-Thermalquellen weltweit.

Eine uralte Korallenkolonie unter den Wellen

Unter Tauchern ist die Grüne Insel für eine einzige, bemerkenswerte Koralle berühmt. Vor der Insel steht eine gewaltige Kolonie der Gattung Porites, einer langsam wachsenden Steinkoralle, die selbst zum Wahrzeichen geworden ist. Wegen ihrer runden, kopflastigen Form „großer Pilz" genannt, gilt sie als eine der größten und ältesten Korallenkolonien ihrer Art, mit Altersschätzungen von weit über tausend Jahren. Eine Kolonie dieser Größe ist kein einzelnes Tier, sondern eine riesige Stadt winziger Polypen, von denen jeder pro Jahr nur den Bruchteil eines Millimeters Kalk anbaut, sodass das ganze Gebilde ein lebendiges Archiv jahrhundertelanger Meeresbedingungen ist. Sein Überleben hängt von stabilem, warmem und klarem Wasser ab, was es zugleich zum Wunder und zum Warnzeichen macht. Dass ein einziger Organismus so lange bestehen konnte, sagt viel über die Beständigkeit dieser Gewässer aus, und jede Bedrohung für die Koralle ist zugleich eine Mahnung, wie verletzlich selbst die widerstandsfähigsten Riffe sein können.

Kenting: gehobener Kalkstein und südliche Saumriffe

Ganz im Süden Taiwans reicht die Hengchun-Halbinsel in das Zusammentreffen dreier Meere hinein. Sie bildet das Herz des Kenting-Nationalparks, der Mitte der 1980er-Jahre als erster Nationalpark Taiwans gegründet wurde und Land wie Meer schützt. Die Küste ist hier ein Flickenteppich aus gehobenen Korallenterrassen, Sandbuchten und felsigen Landspitzen, entlang derer vielerorts Saumriffe wachsen. Geschützte Buchten wie Nanwan wenden sich von der offenen Dünung ab und bieten zugängliche Riffe in Strandnähe. Weil die Halbinsel schmal und an drei Seiten exponiert ist, können die Bedingungen rasch umschlagen, und die Riffe reichen von ruhigen, schnorchelfreundlichen Flachwasserzonen bis zu strömungsumtosten Hängen, die erfahrene Taucher belohnen.

Der Kuroshio und das Leben, das er bringt

Der wichtigste Einfluss auf beide Riffe ist der Kuroshio, jene mächtige westliche Randströmung, die wegen ihrer tiefblauen Farbe oft „Schwarzer Strom" genannt wird. Von den Tropen des Pazifiks nach Norden fließend, liefert er einen stetigen Nachschub an warmem, klarem Wasser, das Korallen weit näher an die Subtropen wachsen lässt, als es sonst möglich wäre. Die Strömung wirkt zugleich als Autobahn für Larven, Plankton und pelagische Fische und verbindet Taiwans Riffe mit Lebensgemeinschaften viel weiter im Süden. Deshalb wirkt die Meereswelt um die Grüne Insel und Kenting so tropisch: mit verzweigten Korallen und Plattenkorallen, farbenfrohen Fischschwärmen, Gorgonien an den tieferen Hängen und, zur rechten Zeit, größeren Gästen, die durchs Blau ziehen. Der Kuroshio gibt, doch er bindet das Schicksal der Riffe auch an die Temperatur des weiten Ozeans.

Druck durch Hitze, Menschen und die Küste

Diese Riffe sind nicht unberührt. Wie Korallengemeinschaften in der ganzen Region haben sie in ungewöhnlich warmen Sommern unter Bleiche gelitten, wenn hitzegestresste Korallen die Algen ausstoßen, die sie ernähren und färben. Kentings Riffe liegen nahe an beliebten Stränden und belebten Touristenorten, sodass Sediment, Abwasser und Schäden durch Besucher die Belastung erhöhen. Nanwan ist auch Meeresforschern ein Begriff, weil ein Kraftwerk an der Küste dort Meerwasser ansaugt und wieder abgibt und so ein natürliches Labor schafft, um zu untersuchen, wie Korallen auf wärmeres Wasser reagieren. Die Lehre aus jahrzehntelanger Beobachtung ist eindeutig: Die Korallen hier können widerstandsfähig sein, doch ihre Toleranz hat Grenzen, und die Erholung dauert weit länger als der Schaden, der sie verursacht. Nur ein sorgsamer Umgang mit Tourismus, Wasserqualität und Fischerei hält diese Riffe am Leben.

Tauchen und Schnorcheln an zwei ungleichen Küsten

Für Besucher ergänzen sich die Grüne Insel und Kenting. Die Grüne Insel belohnt jene, die die Überfahrt auf sich nehmen, mit außergewöhnlicher Sicht, dramatischer vulkanischer Unterwasserlandschaft und der Chance, die große alte Korallenkolonie zu sehen, die seit Jahren Taucher anzieht. Kenting ist weit leichter erreichbar und für Einsteiger besser geeignet, mit sanften Buchten, in denen Schnorchler nur wenige Züge vom Ufer über lebendes Riff gleiten, daneben tiefere Plätze für Erfahrene. An beiden Orten gelten dieselben goldenen Regeln: nichts von der Koralle berühren, Tarierung und Flossen im Griff behalten, nichts Lebendes mitnehmen und Anbieter wählen, die das Riff achten. Mit Sorgfalt behandelt zählen sie zu den lohnendsten subtropischen Riffen Ostasiens. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: Die wärmeren Monate bringen das klarste und ruhigste Wasser, während die Wintermonate windiger und kühler ausfallen können, besonders im ungeschützten Süden. Die örtlichen Tauchbasen kennen die täglichen Muster von Strömung und Dünung genau, und ein kurzes Gespräch vor dem Einstieg ins Wasser macht oft den Unterschied zwischen einer leichten Strömungsfahrt und einer mühsamen aus. Mit Menschen zu tauchen, die diese Küste verstehen, gehört zum verantwortungsvollen Tauchen dazu.

Auf der Karte

Beide Riffsysteme und die warme Strömung, die sie verbindet, lassen sich von oben am leichtesten erfassen. Öffnen Sie die interaktive Karte, um die Grüne Insel vor der Südostküste Taiwans und die Riffe von Kenting an der Südspitze der Hengchun-Halbinsel zu finden. Von dort aus können Sie dem Verlauf des Kuroshio folgen, die vulkanischen und die kalkigen Küsten vergleichen und anhand der Riffmarkierungen planen, wo Sie tauchen, schnorcheln oder einfach mehr über Taiwans bemerkenswerte subtropische Korallen erfahren möchten.